Kommentar zum Bedingungslosen Grundeinkommen

May 7th, 2012

Meine Schwägerin blickt durch

von Oswald Sigg

Am letzten 24. Dezember abends. Beim Weihnachtsessen – die Kerzli brennen am Tannenbaum, die Kinder plangen nach den Gschänkli – plätschert das Ge­spräch mit hoher Spannungslosigkeit dahin. Weil wir schon das leidige Wetter behandelt haben, berichte ich arglos von der bald zu lancierenden Eidgenössi­sche Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

Der Onkel meiner Frau rollt mit den Augen und legt Messer und Gabel beiseite. Eine ältere Cousine leidet plötzlich unter Mig­räne und nimmt rasch eine Pille. Der Schwa­ger Ruedi, ein erfolgreicher KMUnter­nehmer, nimmt einen Schluck Roten, stellt sein Glas mit bedeutungsvoller Miene ne­ben den Teller und stellt laut und deutlich die grundlegend offene Frage: „Und wär geit de na ga schaffe?“ Er schaut ernsthaft in die Runde und präzisiert seine Frage: „Wär ächt wär?“ Nach knapp einer Stunde, die Kerzli sind längst abgebrannt und die Gschänkli ausgepackt, wird noch immer weder über die Ausländer, Blocher, YB oder sonst so etwas diskutiert, sondern es argu­mentieren nur noch alle grossmehrheitlich gegen die Spinnerei des Grundeinkom­mens. Da kommt es beim Kaffee unverhofft zu einer kleinen Gesprächpause. Meine Schwägerin steht vom Tisch auf, wie um noch­mals einen Kaffee zu holen und richtet ihre wenigen Worte an die ganze Gesell­schaft: „Mit emene Grundiikomme, Ruedi, müesstisch Du mir ke Hushaaltsgält meh gää!“ Die Schwägerin, schon immer etwas gefitzter als die andern, hatte es also schon letzte Weihnachten begriffen.

Menschliche Arbeit neu betrachten

Es geht darum, dass wir die Arbeit und ihre Bezahlung neu betrachten. Nicht nur Er­werbsarbeit ist richtige Arbeit. Heute unterscheiden wir drei Arten: bezahlte, freiwillige und unbezahlte Arbeit. Alle Arbeiten sind gesellschaftlich mehr oder weniger not­wendig. Eines steht aber fest: die Hälfte aller heute geleisteten Arbeitsstunden sind sowohl notwendig als auch unbezahlt. Im Vordergrund steht hier die Hausarbeit, die Betreuung von Kindern, die Pflege von kranken Familienangehörigen, die Begleitung von älteren Menschen. Es geht aber auch und gerade um spontane soziale und kul­turelle und sportliche Engagements. Dann gibt es viele notwendige Tätigkeiten – gemeinhin als Drecksarbeit bezeichnet – die der sogenannte Arbeitsmarkt unterbe­zahlten Migrantinnen und Migranten überlässt.

Viele Menschen stehen an ihrem Arbeitsplatz täglich unter Druck und Stress. Vielen droht der Verlust ihrer Arbeit. Auch drohende Entlassungen sind existenzbedrohend. Krankheitsbedingte Arbeitsausfälle – Depressionen, burn outs – nehmen zu. Ar­beitslose werden schikaniert, ausgegrenzt, ausgesteuert.  Sozialhilfeempfängern wird mit Misstrauen, oft auch mit Verachtung begegnet. SozialarbeiterInnen werden als Gutmenschen verhöhnt. Eine Dunkelziffer besagt: nur die Hälfte aller Personen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Notlage Anspruch auf öffentli­che Unterstützung hätten, meldet sich an den Schaltern der Sozialdienste. Die an­dern schämen sich vermutlich davor, ihren Rechtsanspruch geltend zu machen. Alle diese „Sozialfälle“ haben eine gemeinsame Ursache: es ist die grobe Verletzung der Würde der unter solchen Umständen leidenden Menschen.

Grundeinkommen solidarisch finanzieren

Das Grundeinkommen für alle wird zum grössten Teil die heutigen Sozialversiche­rungsrenten ersetzen. Die Differenz zu den Ergänzungsleistungen der AHV und Voll­renten der IV würden weiterhin ausbezahlt.  Es braucht darüber hinaus noch einen erheblichen Betrag zur Finanzierung des Grundeinkommens, der aber meiner Mei­nung nach nicht über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, sondern über eine Vermö­gens- und Kapitaltransaktionsbesteuerung finanziert werden müsste. Die Reichen werden das Grundeinkommen nicht nötig haben, aber das Grundeinkommen wird die Reichen brauchen. In unserem Land besitzt 1% der privaten Steuerpflichtigen (=Steuerflüchtigen aus aller Welt *) gleich­viel Vermögen wie die restlichen 99%. Die Schweiz ist prädestiniert für ein solidarisch finanziertes Grundeinkommen für alle.

Quelle: Mediendienst Hälfte www.haelfte.ch

*) Ergänzung durch die Redaktion

Innovation als Prozess der Verantwortungsübernahme

May 2nd, 2012

Durch Innovation, d.h. durch Neuentwicklung von Produkten oder Dienstleistungen werden wichtige Weichen gestellt, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt. Dass dies so ist wird kaum bezweifelt. Jedoch noch selten wird ein umfassender Zusammenhang zwischen Art und Inhalt einer Innovation und den daraus sich ergebenden Folgen für die Gesellschaft gesehen. Die Tiefe der Verantwortung ergibt sich zum grossen Teil bereits in der Vorgehensweise des Innovationsprozesses. Hier kann beispielsweise das Presencing-Modell von Otto Scharmer Hinweise liefern.

Bei Entscheidungen zu Innovationen in Unternehmen dominieren zumeist folgende zwei Vorgehensweisen:

A)   Besser sein als Konkurrenz: Innovation wird dabei als Vorsprung gegenüber einer (meist ähnlich agierenden) Konkurrenz gesehen. Sinn oder Unsinn des Produktes oder einer weiteren „Verbesserung“ desselben wird dabei kaum hinterfragt. Kurzfristiges Denken dominiert, Folgen werden zumeist ausgeblendet.
(Prozessschritt bei Scharmer: 1. Reacting)

B)   Neue Märkte erschliessen: Innovation wird hier als Mittel verstanden, neues Terrain zu gewinnen und bisher nicht Dagewesenes zu verwirklichen. Da es noch keinen Markt gibt, stellt sich die Frage nach dem Sinn im Zusammenhang mit möglichen Kunden. Um diese zu überzeugen muss man sich bis zu einem gewissen Mass Gedanken machen, ob das Neue auch gebraucht wird.
(Prozessschritt bei Scharmer: 2. Redesigning)

Bei beiden Vorgehensweisen wird der Entscheid, ob eine Innovation angegangen werden soll oder nicht, stark vom zu erwartenden Profit aus entschieden.

Bei fortschrittlichen Unternehmen und vor allem bei Organisationen des Dritten Sektors (NGO’s) wird dagegen bereits eine andere Fragestellung zugrundegelegt:

C)   Wie begegnen wir den gegenwärtigen Gesellschaftsfragen: Innovation wird hier als Mittel zur Lösung von Problemen in einem Zusammenhang verstanden. Das Denken ist mittelfristig und stark auf Nachhaltigkeit bezogen. Ressourcen werden primär eingesetzt, um das identifizierte Problem zu bearbeiten, nicht um Gewinne zu erzeugen. Sinn ergibt sich dabei unmittelbar. (Scharmer: 3. Reframing)

Häufig wird jedoch noch nicht darüber nachgedacht, was passieren soll mit der Problemlösung, wenn die Probleme einst gelöst sein werden. Das kann dann eine eigene Kategorie von Schwierigkeiten hervorrufen.

In neuester Zeit werden nun vermehrt Überlegungen zu einem vierten, noch weitergreifenden Verständnis von Innovation gemacht. Der Ansatz dazu lautet:

D)   Wohin soll sich die Gesellschaft entwickeln und wie können wir den Weg dahin gestalten: Innovation wird hier zum Prozess der Verbindung mit dem Ganzen und zur Suche nach Lösungen, die möglichst viele Zusammenhänge erfassen. Die Erfordernisse der Zeit werden dabei ebenso miteinbezogen, wie die Visionen für eine bessere Zukunft. Dabei ist auch die Erkenntnis des „Nicht-Tuns“ inbegriffen, das heisst, dass man sich entscheiden kann eine mögliche Innovation, die vielleicht wirtschaftlich sehr erfolgreich sein könnte, nicht zu tun, z.B. weil deren Folgen nicht absehbar sind (Atomenergie, Gentechnik).
(Scharmer: 4. Regenerating)

In einem solch erweiterten Verständnis von Innovation findet auch die Natur ihren Platz. Durch genaue und möglichst vorurteilsarme Beobachtung von Lebewesen und ihrem Verhalten und indem wir uns als Menschen miteinschliessen, wie es z.B. im Biomimicry-Ansatz geschieht, gelingt es, die Natur als Lehrmeisterin zu gewinnen und Respekt zu lernen und zu vertiefen. Der Innovationsprozess kann so in der Verantwortung des Unternehmens für den von ihm gewählten Tätigkeitsbereich verankert werden. „Innovative Lösungen“ sind damit nicht nur Marketing-Gags, sondern werden auch von den beteiligten Menschen mitgetragen und verantwortet. Nur so lässt sich ein wirklicher, also nachhaltiger Beitrag an die Entwicklung von Menschen, Gesellschaft und Erde überhaupt finden. Solche Beiträge zeichnen sich auch aus durch eine innere Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit.

Gute Beispiele solcher Innovationen finden sich unter anderem im Buch „Worldchanging“ herausgegeben von A.Steffen, das letztes Jahr in einer ergänzten und erweiterten Auflage erschienen ist.

Literaturhinweise:

  • Benyus, J.M.: Biomimicry: Innovation inspired by nature, Harper 2002
    -> Biomimicry-Institute
  • Scharmer, O.C.: Theorie U – von der Zukunft her denken, Auer 2009
    -> Otto Scharmer
  • Steffen, A.: Worldchanging: A users guide for the 21st century, Abrams 2011
    -> Worldchanging

Wie wollen wir leben- Kinder philosophieren über Nachhaltigkeit

April 23rd, 2012

Buchrezension

Eberhard von Kuenheim Stiftung, Akademie Kinder Philosophieren (Hrsg.)

oekom verlag München, 2012

Ist Philosophie zu etwas nütze? Diese ewig misstrauische Frage könnte man auch bei diesem Buch über Nachhaltigkeit stellen, wenn sogar Kinder noch zum Philosophieren gebracht werden sollen. Wer jedoch etwas weiter darüber nachdenkt, wo Nachhaltigkeit beginnt – im Denken – kann jedoch ein solches Ansinnen nur begrüssen. Überhaupt sind Kinder eigentlich die geborenen Philosophinnen und Philosophen, denn sie stellen ganz unbefangen ihre Fragen und geben Antworten, die ihr eigenes Denkgebiet erweitern und vertiefen. Solches hört dann leider bei vielen Erwachsenen auf, die sich häufig auf die Gebiete beschränken, die sie einmal (z.B. in der Kindheit) kennengelernt haben. Beim Unterfangen, bereits Kindern den Wert der Nachhaltigkeit zu vermitteln, ist deshalb der Weg der Philosophie eine wichtige Sache.

Das vorliegende Buch ist dabei als ganz praktische Anleitung aufgebaut – eigentlich ein Buch für Lehrkräfte, die gerne mit Kindern zusammen in dieses Gebiet einsteigen wollen.

Neben grundsätzlichen Einführungen zum Begriff der Nachhaltigkeit, zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und zum Warum des Philosophierens, geht es vor allem um die Methodik. Mit einer sorgfältigen Einführung und Anleitung zum Philosophieren wird der geeignete praxiserprobte Rahmen abgesteckt, der für die Arbeit mit Kindern verwendet werden kann. Das weite Gebiet der Nachhaltigkeit wird dann in folgenden, beispielhaften philosophischen Einheiten behandelt:

  • Mensch und Natur
  • Konsum
  • Gemeinschaft
  • Lebensfreude
  • Kultur
  • Zukunft

Zu Beginn jeder Einheit erscheinen die verwendeten Fragen, die eigentlichen Schlüssel zu den Gesprächen. Beim Thema Mensch und Natur sind dies z.B.: Wem gehört die Natur?“, Ist der Mensch wichtiger als die Natur? oder Sind alle Tiere gleich viel wert?. In den Einheiten werden dann weitere Vertiefungsfragen oder Gedankenexperimente angeboten. Eine Liste mit den verwendeten Materialien oder Anregungen zu vertiefter Forschung werden ebenfalls angegeben. Beispielhaft sind auch Antworten von Kindern eingestreut. Spannend wäre es gewesen, wenn auch ein vollständiges Protokoll einer solchen Philosophierunde gezeigt würde. Vielleicht ist dieses Fehlen jedoch bewusst, denn so ist man auf eigene Experimente angewiesen, um die Wirkung der gegebenen Rezepte bei den kleinen DiskussionspartnerInnen zu erfahren.

Insgesamt also ein Buch, das auffordert, tätig zu werden. Das ist im Bereich Nachhaltigkeit heute besonders nötig und weil es sich an die nächste Generation richtet, wird es besonders glaubwürdig. Doch vorsichtig: Viele Fragen könnten zwar die Kinder beflügeln, aber vielleicht die Erwachsenen überfordern. Viele von uns Älteren hatten leider nie die Gelegenheit, so ungezwungen, konstruktiv und doch ernsthaft über die Zukunft von Menschheit und Erde nachzudenken, wie es in diesem Buch vorgeschlagen wird.

Fazit: Sehr empfehlenswert für die Arbeit mit Kindern, sei es zu Hause oder in Schulen.

Das Buch ist erhältlich direkt beim Verlag:

www.oekom.de

oder bei

http://www.amazon.de/Wie-wollen-leben-philosophieren-Nachhaltigkeit/dp/3865812295/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1335188065&sr=8-3

Weiterführende Links:

http://www.kinder-philosophieren.de/

Ein Rückblick aus der Zukunft

December 23rd, 2011

brandaktuell zum Jahresrückblick 2011, von Dr. Leete, Arzt und Romanfigur im utopischen Roman Ein Rückblick  2000-1887 von Edward Bellamy*):

“Ich meine”, bemerkte Dr. Leete, als wir von der Speisehalle nach Hause schlenderten, “dass kein Tadel die Menschen Ihres den Reichtum anbetenden Jahrhunderts schärfer getroffen haben würde, als die Behauptung, dass sie nicht verstanden, Geld zu machen. Nichtsdestoweniger ist eben dies das Urteil, das die Geschichte über sie gefällt hat. Ihr System der unorganisierten und einander bekämpfenden Industrien war in nationalökonomischer Hinsicht ebenso thöricht, wie es in moralischer verabscheungswürdig war. Selbstsucht war ihre einzige Wissenschaft und in der industriellen Produktion ist Selbstsucht Selbstmord. Die Konkurrenz, welche der Instinkt der Selbstsucht ist, ist nur ein anderes Wort für Zersplitterung der Energie, während die Vereinigung das Geheimnis leistungsfähiger Produktion ist: und nicht eher, als bis der Gedanke der Vermehrung des Privatreichtums dem Gedanken der Vermehrung des Gesamtvermögens platz macht, kann die industrielle Vereinigung verwirklicht werden und die Erwerbung von Reichtum in Wahrheit beginnen. Selbst wenn das Prinzip der vollkommenen Gleichstellung aller Menschen nicht die einzig humane und vernünftige Grundlage für eine menschliche Gesellschaft wäre, so würden wir dasselbe dennoch als nationalökonomisch nützlich aufrecht erhalten, da wir sehen, dass, solange nicht der zersetzende Einfluss der Selbstsucht unterdrückt ist, kein wahres Zusammenwirken der Industrie möglich ist.”

 

*) Bellamy, Edward (1888): Looking backward 2000-1887, siehe auch unter Wikipedia.

Neue Inhalte Pioniere

December 13th, 2011

In unserem Projekt “Pioniere von Frieden und Nachhaltigkeit” sind neue anregende Artikel und Texte aufgeschaltet:

Bei Ralf Winkler Texte mit viel kritischem Humor und ernsten Menschheitsfragen:

Späne von der Werkbank eines Ungenormten (Text)
Phantastereien (Text)

Neu ist auch Ernst Abbe aufgeführt, der mit der Carl Zeiss Stiftung einen vorbildlichen Rahmen für eine nicht-kapitalistische Unternehmung geschaffen hat. Die Stiftung wurde leider inzwischen mehrheitlich verwässert und ihre Ideen zerschlagen.

Ernst Abbe

Interessant? Informativ? Nutzen Sie auch die Möglichkeiten dieses Blogs für Rückmeldungen oder Nachfragen. Danke.

Wir wünschen Ihnen hiermit eine schöne und erholsame Weihnachtszeit.

Nach mir die Gesundheit?! – Veranstaltungsreihe in Brugg/Windisch

October 18th, 2011

Menschen und Systeme unter wirtschaftlichem Druck

Der neue Zyklus der Ringvorlesung zu Themen der Nachhaltigkeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, hat bereits begonnen. Ein Hinweis darauf lohnt sich aber trotzdem, denn es stehen noch einige spannende Referate auf dem Programm:

Gesundheit verstehen wir meist individuell für unseren Körper. Dieser kann jedoch nur gesund sein, wenn der Boden, das Wasser und die Luft gesund sind. Und wir er- warten Arbeitsplätze und Arbeitszeiten, die uns nicht krank machen. Wirtschaft und Finanzsystem sollen dem Menschen dienen, und nicht auf seine und andere Kosten wirken. Zeitdruck, Finanznot und Beziehungsarmut setzen den Menschen zu. Gesundheit und Nachhaltigkeit liegen nahe beieinander. Was krank macht, kann nicht dauerhaft sein. Namhafte Referentinnen und Referenten präsentieren ihre Sicht auf ausgewählte Gesundheitsaspekte in Wirtschaft, Technologie und Gesell- schaft – gestern, heute und morgen.

Das detaillierte Programm

Zum Gedenken an Pierre Fornallaz 6.7.1924 – 4.9.2011

September 12th, 2011

Nach kurzer schwerer Krankheit ist Pierre Fornallaz, Pionier für Ökologie, Solarenergie und nachhaltige Wirtschaft am 4. September in Münchenstein verstorben.

Pierre war langjähriges Mitglied von FleXibles und bis zuletzt aktives Mitglied unseres Unterstützungskomitees. Sein bemerkenswerter Lebensweg führte ihn vom Industrieingenieur, der sich bereits mitten in der Hochkonjunktur der 60er Jahre über den Sinn der Industrialisierung Gedanken machte, zum ETH-Professor der begann über die Folgen der Technik insgesamt nachzudenken und das Thema Ökologie an die ETH holte. Dann zur Gründung des Ökozentrums Langenbruck und danach auch darüber hinaus zu den Kernfragen unserer Wirtschaft, zu Gemeinschaft, Geld und Besitz. Er liess sich nicht blenden von Status und Besitz, weder vom eigenen, noch von dem von anderen, sondern blieb beharrlich auf dem Weg zu dem, was er als vernünftige, respektvolle und nachhaltige Lebensweise erkannt hatte. Er sah, dass es notwendig war durch praktische Beispiele Korrekturen anzubringen an der falschen Auffassung von Technik- und Wirtschaft der heutigen Zeit. Nicht immer stiess er dabei auf Verständnis: Z.B. wies er als Ethischer Rat die Alternative Bank Schweiz darauf hin, dass sie nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern die gewonnenen Ressourcen dazu einsetzen sollte, noch nachhaltiger zu werden, worauf stattdessen der ethische Rat abgeschafft wurde. Oder er setzte sich beim ETH-Präsidenten mehrfach dafür ein, dass die ETH das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft nicht nur als gutes Konzept vermarkten, sondern dieses auch selbst ernsthaft umsetzen sollte und wurde mit einigen netten Briefen abgespeist.

Pierre Fornallaz liess sich durch solches Unverständnis nicht beeindrucken und setzte seine Kraft und seine Ideen unermüdlich für eine umfassende Vision der Nachhaltigkeit ein. Besonders am Herz lag ihm auch ein transformiertes Wirtschaftsverständnis:

” Das transformierte Wirtschaftsverständnis führt zu einer mitwelt – und sozialverträglichen ökologischen Marktwirtschaft. Das ist eine Wirtschaftsweise, welche Folgeprobleme zu vermeiden trachtet, statt durch lineares, kausales Denken neue Probleme heraufzubeschwören. Es ist eine Wirtschaftsweise, welche volkswirtschaftlich richtig rechnet, statt sich mit nur betriebswirtschaftlichen Erfolgen selbst zu betrügen. Es ist eine Wirtschaftsweise, die dem Menschen schöpferische Musse schenkt und ihn damit in die Lage versetzt, den Weg in die Transzendenz des “wahren Lebens” (Mumford) zu schreiten.”

(Aus einem Artikel in der Zeitschrift GAIA 1995)

Mit Pierre Fornallaz verlieren wir einen grossen Vordenker, Pionier und Mitstreiter, einen offenen, herzlichen und väterlichen Freund. – Seine vorausschauenden Ideen und lebensbejahenden Visionen bleiben nach wie vor aktuell und können uns weiterhin den Weg weisen.

Jens Martignoni, Geschäftsführer

 

Texte von Pierre Fornallaz finden Sie auf unserer Seite „Pioniere von Frieden und Nachhaltigkeit

2026 – Rückblick auf die Zeit nach dem Ölschock

July 12th, 2011

Buchrezension: Ein Doku Roman von Martin Klöti

Verlag Textwerkstatt, Olten, 2007

 

Wenn die Menschheit lernen würde…

Das Jahr 2026 lag zwanzig Jahre in der Zukunft, als dieses hoffnungsvolle Buch herauskam. Es beschreibt die Zeit nach einem Ölschock im Jahre 2007, in der die Menschheit tatsächlich etwas dazugelernt hat. Das grosse Umdenken bezüglich Umwelt und Ressourcenverbrauch wurde ernst gemacht und Nachhaltigkeit wird gelebt. Simon, ein Hochschulprofessor, der unter anderem ein innovatives Vehikel zu nachhaltiger Mobilität mitentwickelt hat, reist nach China, wo sich in einem Rennen die neusten Fahrzeugtypen um den minimalsten Treibstoffverbrauch messen werden. Auf dem Weg dahin, mit verschiedenen Stationen in der Schweiz und in China, reflektiert Simon den Weg, den er selbst und die Welt in den Jahren seit dem Ölschock zurückgelegt hat. Dabei lässt er Revue passieren, wie es möglich war, dass die Menschheit gelernt hat, ihren Energie und Rohstoffverbrauch massiv zu reduzieren und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Besonders beleuchtet werden dabei die Verhältnisse in der Schweiz und in China. Dabei kann der Autor auf profundes Wissen aus seinen eigenen Aufenthalten im Land der Mitte bauen. Das Buch ist gut recherchiert und die geschilderte Zukunft auf solidem Fundament aufgebaut: Genauso könnte es sein, wenn die nachhaltige Technik von heute entschlossen weiterentwickelt würde.

Das Buch zeigt daneben auch biografische Aspekte, in denen der nicht einfachen Lebensweg von Simon exemplarisch für die geforderten Qualitäten steht, die eine solche positive Zukunft benötigen würde: Mut haben eigenständig zu sein, auszusteigen aus bequemen Geleisen, einen Beitrag zum allgemeinen Wohl leisten zu wollen und konsequent den Weg der Nachhaltigkeit zu verfolgen. Der Kontrast einer solchen Persönlichkeit mit echtem Verantwortungsbewusstsein zu vielen heutigen profitmaximierenden Professoren und Konzernchefs wird dabei sichtbar.

Inzwischen sind einige der im Buch verzeichneten Jahre schon vergangen. Die Welt scheint noch weiter ausser Rand und Band geraten zu sein. Kein Ölschock hat uns bisher zur Vernunft gebracht. Der Schock des Finanzcrashs und des Super-GAU’s in Fukushima haben noch nicht ausgereicht, wirklich etwas zu verändern am rasenden Verbrauch von Energie und Natur. Wieviel Schock braucht es also noch dazu?

Vielleicht ist es besser, sich nicht um den Schock zu sorgen, sondern, wie im Buch, mutig das Neue anzupacken. Es gilt sich bereits heute darum zu kümmern, dass neue Ideen und Technologien gefördert werden, die unsere echten Probleme reduzieren: Weniger, kleiner, schlanker, energieeffizienter, intelligenter, geruhsamer, eleganter, im Einklang mit natürlichen Abläufen. Machen wir uns jetzt auf, 2026 ist nicht mehr fern – Martin Klöti’s Buch liefert dazu einen motivierenden Anstoss.

Das Buch ist erhältlich beim Verlag:

www.verlag-textwerkstatt.ch/

Direkter Link zum Shop

2026 kaufen

Weiterführende Links:

www.2026.ch

Erfolgreicher Abschluss des Executive MBA in NPO‐Management

June 8th, 2011

Im feierlichen Rahmen durfte das Verbandsmanagement Institut (VMI) der Universität Freiburg/CH am Samstag, 28. Mai 2011 16 Absolventinnen und Absolventen des Executive Master in Business Administration in Nonprofit‐Organisation Management ihre Masterurkunde übergeben.
Mit den Feierlichkeiten im Grossratssaal des Freiburger Rathauses hat der dritte MBA‐Jahrgang sein Studium erfolgreich abgeschlossen. 16 Führungskräfte aus verschiedenen Nonprofit‐Organisationen in der Schweiz und Deutschland dürfen sich zu den frisch diplomierten Absolventinnen und Absolventen zählen, darunter auch Jens Martignoni, Geschäftsführer von FleXibles – Verein zur Förderung neuer Arbeitsformen.
In den insgesamt 15 Lehrgangswochen haben sich die Absolventinnen und Absolventen die wirtschafts‐ und sozialwissenschaftlichen Grundlagen erarbeitet, um ihre Führungsposition effektiv und effizient wahrnehmen zu können. Aufbauend auf dem Freiburger Management‐Modell (FMM) können sie nun gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge besser verstehen und aus dem Kontext der eigenen Organisation heraus besser beurteilen. Zudem verfügen sie über das notwendige NPO‐ spezifische Management‐Wissen, um die Entwicklungsbedürfnisse und ‐potenziale ihrer Organisation zu erkennen, entsprechende Massnahmen zu ergreifen und diese unter Berücksichtigung organisatorischer, personeller und technischer Aspekte umzusetzen. Nicht zuletzt beherrschen die Absolventinnen und Absolventen aufgrund ihrer Executive Masterstudiums eine wissenschaftliche Methodik, die sie befähigte, mit ihrer Masterarbeit einen eigenständigen Beitrag zum aktuellen Forschungsstand und zur Professionalisierung im NPO‐Management zu leisten.
FleXibles gratuliert Herrn Martignoni recht herzlich zu seinem erfolgreichen Abschluss.

Zur Meldung auf der Website des VMI

Was mehr wird, wenn wir teilen – Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter

May 26th, 2011

Buchrezension: Neues Buch von Elinor Ostrom

oekom verlag München, 2011

Herausgegeben, überarbeitet und übersetzt von Silke Helfrich

 

Eine Kürzestfassung von Elinor Ostroms Werk

Die amerikanische Professorin Elinor Ostrom, hat den Wirtschaftsnobelpreis 2009 aufgrund ihrer bahnbrechenden Arbeiten über Gemeingüter erhalten. Seither ist es leider wieder etwas still geworden, um die wichtigen Erkenntnisse der Forscherin. Auch Ihr Hauptwerk „Die Verfassung der Allmende – Jenseits von Staat und Markt“, ist in Deutsch nicht wieder aufgelegt worden. In die Lücke springt nun ein neues Büchlein aus dem oekom-verlag, worin das Werk von Ostrom auf den kürzesten Nenner gefasst präsentiert wird. Die Gemeingüter-Forscherin und –Aktivistin Silke Helfrich hat die Texte von Ostrom ausgewählt und übersetzt.

Von den 126 Seiten des kleinformatigen Werkes sind jedoch 20 Seiten Vorwort und über 30 Seiten Glossar abzuzählen. Es bleiben 65 Seiten für die Inhalte von Ostrom, die dazu noch in sehr stark bearbeiteter Form aufgeführt werden. Die drei Kapitel mit den Titeln:
Gemeingüter fordern uns heraus
Gemeingüter pflegen – lokal und global, sowie
Wenn’s funktionieren soll: Gestaltungsprinzipien für Gemeingüter

zeigen an, dass die Materie in kleinen, leicht verdaulichen Häppchen angeboten wird.

Anhand der Gemeingüter Fische (Fangquoten, Überfischung, etc.) und Wälder (Nutzung, Abholzung, etc.) werden die bestehenden Probleme und die Lösungsansätze durch gemeinschaftliche Nutzung skizziert.

Die Sprache zeichnet sich aus durch kurze Sätze und ein Bemühen, auch für Laien verständlich zu sein. Die auftauchenden Fachausdrücke werden im Glossar sehr ausführlich erklärt. Der bestehende komplexe wissenschaftliche Hintergrund wird dadurch abgemildert, scheint jedoch nach wie vor durch. Da auch keine Bilder oder Grafiken verwendet werden, ist das Büchlein trotzdem nicht ohne Vorwissen oder Hintergrund wirklich gut zu verstehen. Etwas verwirrend bleibt auch der Aufbau und das überproportionale Glossar. Schade ebenfalls, dass nicht klar getrennt wurde zwischen Übersetzung, Adaption und Interpretation von Silke Helfrich. Dies erschwert es, die effektive Arbeit von Ostrom zu beurteilen und die an und für sich sehr lesenswerte Zusammenstellung bleibt so teilweise wolkig und verliert die Konturen.

Fazit: Das Büchlein eignet sich in jedem Fall als Einführung in die Materie der Gemeingüter und macht einem den Mund wässrig, auch die Originaltexte von Ostrom anzugehen. Das Thema an sich ist heute brandaktuell durch die laufende Privatisierung weiterer Ressourcen, wie Wasser und es wird noch an Relevanz gewinnen durch neue Thematiken wie „Land-Grabbing“ durch Staaten wie China.

Wenn wir verstehen, dass es auch anders geht als privatisiert, gibt es aber auch Hoffnung und Energie für Menschen, die gemeinsam anpacken wollen, wenn es um ihre eigene Zukunft geht. Sozusagen als Quintessenz: „Wir können lernen zu teilen – und es wird damit besser funktionieren für alle!“

Das Buch ist erhältlich direkt beim Verlag:

www.oekom.de

oder bei

http://www.amazon.de/mehr-wird-wenn-teilen-gesellschaftlichen/dp/3865812511

Weiterführende Links:

www.gemeingüter.de