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aktive Gestaltung einer Zukunft für alle – actively designing a future for all of us

Innovation als Prozess der Verantwortungsübernahme

von Jens Martignoni

Durch Innovation, d.h. durch Neuentwicklung von Produkten oder Dienstleistungen werden wichtige Weichen gestellt, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt. Dass dies so ist wird kaum bezweifelt. Jedoch noch selten wird ein umfassender Zusammenhang zwischen Art und Inhalt einer Innovation und den daraus sich ergebenden Folgen für die Gesellschaft gesehen. Die Tiefe der Verantwortung ergibt sich zum grossen Teil bereits in der Vorgehensweise des Innovationsprozesses. Hier kann beispielsweise das Presencing-Modell von Otto Scharmer Hinweise liefern.

Bei Entscheidungen zu Innovationen in Unternehmen dominieren zumeist folgende zwei Vorgehensweisen:

A)   Besser sein als Konkurrenz: Innovation wird dabei als Vorsprung gegenüber einer (meist ähnlich agierenden) Konkurrenz gesehen. Sinn oder Unsinn des Produktes oder einer weiteren „Verbesserung“ desselben wird dabei kaum hinterfragt. Kurzfristiges Denken dominiert, Folgen werden zumeist ausgeblendet.
(Prozessschritt bei Scharmer: 1. Reacting)

B)   Neue Märkte erschliessen: Innovation wird hier als Mittel verstanden, neues Terrain zu gewinnen und bisher nicht Dagewesenes zu verwirklichen. Da es noch keinen Markt gibt, stellt sich die Frage nach dem Sinn im Zusammenhang mit möglichen Kunden. Um diese zu überzeugen muss man sich bis zu einem gewissen Mass Gedanken machen, ob das Neue auch gebraucht wird.
(Prozessschritt bei Scharmer: 2. Redesigning)

Bei beiden Vorgehensweisen wird der Entscheid, ob eine Innovation angegangen werden soll oder nicht, stark vom zu erwartenden Profit aus entschieden.

Bei fortschrittlichen Unternehmen und vor allem bei Organisationen des Dritten Sektors (NGO’s) wird dagegen bereits eine andere Fragestellung zugrundegelegt:

C)   Wie begegnen wir den gegenwärtigen Gesellschaftsfragen: Innovation wird hier als Mittel zur Lösung von Problemen in einem Zusammenhang verstanden. Das Denken ist mittelfristig und stark auf Nachhaltigkeit bezogen. Ressourcen werden primär eingesetzt, um das identifizierte Problem zu bearbeiten, nicht um Gewinne zu erzeugen. Sinn ergibt sich dabei unmittelbar. (Scharmer: 3. Reframing)

Häufig wird jedoch noch nicht darüber nachgedacht, was passieren soll mit der Problemlösung, wenn die Probleme einst gelöst sein werden. Das kann dann eine eigene Kategorie von Schwierigkeiten hervorrufen.

In neuester Zeit werden nun vermehrt Überlegungen zu einem vierten, noch weitergreifenden Verständnis von Innovation gemacht. Der Ansatz dazu lautet:

D)   Wohin soll sich die Gesellschaft entwickeln und wie können wir den Weg dahin gestalten: Innovation wird hier zum Prozess der Verbindung mit dem Ganzen und zur Suche nach Lösungen, die möglichst viele Zusammenhänge erfassen. Die Erfordernisse der Zeit werden dabei ebenso miteinbezogen, wie die Visionen für eine bessere Zukunft. Dabei ist auch die Erkenntnis des „Nicht-Tuns“ inbegriffen, das heisst, dass man sich entscheiden kann eine mögliche Innovation, die vielleicht wirtschaftlich sehr erfolgreich sein könnte, nicht zu tun, z.B. weil deren Folgen nicht absehbar sind (Atomenergie, Gentechnik).
(Scharmer: 4. Regenerating)

In einem solch erweiterten Verständnis von Innovation findet auch die Natur ihren Platz. Durch genaue und möglichst vorurteilsarme Beobachtung von Lebewesen und ihrem Verhalten und indem wir uns als Menschen miteinschliessen, wie es z.B. im Biomimicry-Ansatz geschieht, gelingt es, die Natur als Lehrmeisterin zu gewinnen und Respekt zu lernen und zu vertiefen. Der Innovationsprozess kann so in der Verantwortung des Unternehmens für den von ihm gewählten Tätigkeitsbereich verankert werden. „Innovative Lösungen“ sind damit nicht nur Marketing-Gags, sondern werden auch von den beteiligten Menschen mitgetragen und verantwortet. Nur so lässt sich ein wirklicher, also nachhaltiger Beitrag an die Entwicklung von Menschen, Gesellschaft und Erde überhaupt finden. Solche Beiträge zeichnen sich auch aus durch eine innere Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit.

Gute Beispiele solcher Innovationen finden sich unter anderem im Buch „Worldchanging“ herausgegeben von A.Steffen, das letztes Jahr in einer ergänzten und erweiterten Auflage erschienen ist.

Literaturhinweise:

  • Benyus, J.M.: Biomimicry: Innovation inspired by nature, Harper 2002
    -> Biomimicry-Institute
  • Scharmer, O.C.: Theorie U – von der Zukunft her denken, Auer 2009
    -> Otto Scharmer
  • Steffen, A.: Worldchanging: A users guide for the 21st century, Abrams 2011
    -> Worldchanging