Category Archives: Geld / money

Eine Regionalwährung für Winterthur: Der Eulachtaler

Heute (23.09.2016) wurde in Winterthur im Rahmen des Festivals Filme für die Erde eine neue Winterthurer Regionalwährung vorgestellt, der Eulachtaler. Dieser soll künftig in Winterthur die regionale Wirtschaft unterstützen, einen Beitrag zu einer nachhaltigen Versorgung leisten und dazu noch Spass machen beim Verwenden. Das Projekt wurde bereits vor zwei Jahren in einer kurzen Aktion getestet und seither im Rahmen des Vereins Living Room weiterentwickelt. Die Grundlage bietet das Konzept einer sogenannt leistungsgedeckten Währung, die durch die Lieferversprechen der beteiligten Betriebe gesichert ist. Zur Lancierung sind sieben Betriebe aus der Stadt dabei, mit weiteren Anbietern stehen die OrganisatorInnen in Verhandlungen. Die letzten Informationen sind auf der Website http://eulachtaler.ch/ einzusehen.

Das bisherige Medienecho ist sehr positiv.

Der Beitrag im Landboten hier

Der Beitrag des SRF Regionaljournals umfasst dazu auch ein Interview mit Jens Martignoni von FleXibles:

http://www.srf.ch/play/radio/regi-zh-sh/audio/des-eulachtalers-wiedergeburt-23-9-2016?id=e13983bc-6cef-4c65-8399-2ff8057e4811

http://www.srf.ch/play/radio/regi-zh-sh/audio/interview-mit-jens-martignoni-23-9-2016?id=db556e34-1d3d-41fc-b65a-f8f815af53e3

Vereinslokal Utopia – Die Zukunft gemeinsam gestalten

Der Verein FleXibles ist als ein Teilnehmer im Vereinslokal Utopia ausgewählt worden, einer begehbaren Mikro-Makro-Kosmos-Installation des Künstlerkollektivs Goldproduktionen.

Wir werden uns zusammen mit einem anderen Verein einen Abend lang Gedanken zu Geld im Jahre 2116 machen dürfen. Die spielerischen Ergebnisse werden dann in die Gesamtinstallation Utopia integriert und sind während dreier Wochen in der Shedhalle der Roten Fabrik ausgestellt.

7. bis 29. März 2016, Rote Fabrik (Shedhalle), Zürich

genaue Öffnungszeiten und Blog mit weiteren Infos unter www.vereinslokal-utopia.net

Flyer_Vereinslokal_Utopia

Preis und Wert – Diskussionsveranstaltung im Labor

Die Veranstaltungsreihe Kultur im Labor der Getreidezüchtung Peter Kunz veranstaltet ihren Versuch #4 und dabei geht es um Preis und Wert. Zu Gast sind Jens Martignoni als Experte zum aktuellen Geschehen in Sachen Geld und Preis, und Thomas Gröbly, als Experte zur Ethik und praktischen Philosophie, um die Welt der Werte zu beleuchten.

Mittwoch, 3. Februar 2016, 19.Uhr, Getreidezüchtung Peter Kunz, Seestrasse 6, 8714 Feldbach ZH

Einladung_KiL4-Bild

Weitere Informationen Flyer mit Infos

Homepage Getreidezüchtung

Eintritt frei, Anmeldung erforderlich, da Platzzahl begrenzt.

Referendum gegen neues Bankengesetz in Basel

Occupy Basel hat im Dezember das Referendum gegen das neue Gesetz über die Basler Kantonalbank (BKB) ergriffen.

Die BKB wirbt überall mit dem Slogan “Fair Banking”, was aber überhaupt keine Bekenntnis zu ethischem Banking bedeutet, im Gegenteil: “Die Basler Kantonalbank ist in den letzten Jahren durch wiederholte Skandale in die Schlagzeilen geraten und hat damit nicht nur viel Vertrauen verspielt, sondern hat auch die Stabilität der Region Basel gefährdet. Occupy Basel war aktiv mitbeteiligt bei der Aufarbeitung all dieser Skandale, von Schwarzgeldskandalen und dem ASE-Anlageskandal über Spekulationen in der Steueroase Guernsey bis zum massiven Eigenhandel mit Partizipationsscheinen, und hat wiederholt die konsequente Regulierung der BKB gefordert.” In der aktuellen Revision des Gesetzes über die Basler Kantonalbank wurden in langen Diskussionen im Parlament von Basel-Stadt trotzdem keine klaren Einschränkung der Risiken und Spekulationsmöglichkeiten der Bank aufgenommen.

Kantonalbanken waren einst als Banken für das Volk und gegen Spekulation konzipiert. Gerade diese Institutionen sind aber in den letzten Jahren auch in anderen Kantonen immer wieder durch dubiose Auslandgeschäfte, Pleiten und Skandale aufgefallen. Es ist also an der Zeit, dass das Volk aktiv wird und diesen ausufernden Praktiken entgegentritt. Wir unterstützen Occupy in Basel, damit sie es schaffen, die nötigen Unterschriften zusammenzubringen und dann auch die Abstimmung zu gewinnen.

Die Sammelfrist läuft noch bis 23. Januar. Mithilfe ist dringend willkommen. Unterschreiben können leider nur Leute aus Basel, Riehen oder Bettingen ->Unterschriftenbogen. Also Infos bitte an Bekannte in der Region weiterleiten.

Alle weiteren Infos  Hier

 

Wie entstehen gerechte Preise?

Ein neues Lernheft des Konsumentenverbandes zeigt auf, wie Preisbildung funktioniert und wie gerechte Preise entstehen (könnten). Das Thema wird ausserdem an einem Seminar zusammen mit BioPartner Schweiz AG vorgestellt.

Seminar

Samstag 7. November 2015, 14-17 Uhr in Seon AG im Verteilzentrum der Bio Partner Schweiz AG

mit Referaten von Andreas Jiménez, Geschäftsführer Bio Parter und Jens Martignoni, Autor des Bildungsheftes, mit einer Führung durch den Bio-Grosshandelsbetrieb und mit Kaffee und Gebäck.

Der Anlass ist kostenlos, bedarf aber der verbindlichen Anmeldung (hier).

Bildungsheft

kb04_cover_220x312Das Heft will auf einfach verständliche Art zu einem praktisches Verständnis der Preisbildung verhelfen und ist als kompaktes Lernmaterial auch für Schulen gut geeignet. Der gerechte Preis ist dabei eine Richtschnur, die durch eine Vielfalt der volkswirtschaftlichen Themen und Fragestellungen hindurchführt.

Das Heft kann direkt beim Konsumentenverband bestellt werden (hier) und kostet als Einzelexemplar Fr. 8.- zzgl. Versandkosten.

Das Heft ist sehr empfehlenswert und hilft mit, um beim Thema Wirtschaft ebenfalls mitreden zu können.

Wie alternativ ist die Alternative Bank Schweiz (ABS) noch?

Die Frage Wie alternativ ist die ABS noch?, die in selbstkritischer Weise in der banknahen Zeitschrift Moneta (Zeitung für Geld und Geist #1-2015) gestellt wurde (Auszug_Moneta_1-15_mit_Artikel) animierte Jens Martignoni vom Verein FleXibles, einzuhaken und den Dialog mit der ABS aufzunehmen. Sein Standpunkt: Die ABS zehre immer noch von ihren Anfangsideen und habe seither nichts mehr wirklich neues in Gang gesetzt. Dies obwohl die kritische Situation der Finanz- und Bankenwelt dringend Alternativen bedürfe und die ABS per Deklaration ihres Namens ja solche zu entwickeln verpflichtet wäre. Seine Argumente sind in einem Leserbrief (Leserbrief zu Moneta 1-2015) zusammengefasst.

Die Alternative Bank hat den Steilpass aufgenommen und Jens Martignoni zu einem Gespräch mit Martin Rohner, dem Vorsitzender der ABS-Geschäftsleitung eingeladen. Das Gespräch ist nun in der neusten Ausgabe der Moneta (#3-2015, Seiten 18-19) erschienen. Dass bei einer Bank auch solch kritische Stimmen einen Platz finden, ist hoch anzurechnen: Damit ist die ABS eine klare Alternative in der Finanzbranche. Es wäre nun zu hoffen, dass die Impulse und Anregungen auch weiter verarbeitet werden und die ABS zukünftig grössere Kräfte für die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzsystems einsetzen würde.

20 Jahre Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1

Die Genossenschaft Kraftwerk1 feiert ihr 20jähriges Jubiläum, ein Grund auch für FleXibles um mitzufeiern: Bereits 1994 im Vorfeld der Gründung von Kraftwerk1 leistete FleXibles einen grossen Beitrag zur Veranstaltung “Kraftwerksommer” auf dem damaligen Schöller-Areal. Das Thema war schon damals – Geld – und seine Alternativen. Unter dem Titel Zukunft der Wirtschaft – Wirtschaft der Zukunft bestritt FleXibles ein Podium, Workshops, einer Geld-Schein-Installation und ein Konzertabend mit Linard Bardill im Programm des mehrtägigen Events. Eine Sonderausgabe des (damals) vereinseigenen Komplementärgeldes Flecü wurde speziell für den Anlass in Farbe lila und dem Wert 9 Fü  kreiert. Eintritt und Verpflegung konnte selbstverständlich auch in Flecü bezahlt werden. Der Anlass war seiner Zeit weit voraus. Kurz nachher versank die Welt im neoliberalen Credo und einige der vorgestellten Geld-Ideen mussten eine nach der anderen vorläufig in die Schublade. Doch die Genossenschaft Kraftwerk1 wurde auch mit konventionellem Geld erfolgreich gegründet und hat eine erfreuliche Entwicklung hinter sich. Inzwischen gibt es auch wieder Aufwind beim alternativen Geld und so kommen die beiden Ideen “anders wohnen” und “anderes Geld” wieder zusammen, vorerst nochmals an einem Anlass, später vielleicht auch als integrierter Bestandteil einer neuen Wohn- und Wirtschaftsweise.

Für das Kraftwerk1-Fest vom 19. September wurde eine eigene Festwährung kreiert, der Zwack und wir präsentieren unser Flexonomix® Stadt-Geld-Spiel (Anmeldung bei Kraftwerk1 erforderlich, Plätze beschränkt). Ein Referat über Alternativwährungen als Modell für Genossenschaften von Jens Martignoni vervollständigt den Kreis. Das Fest ist aber in jedem Fall auch ein Fest, mit Kinderprogramm, Konzerten, Ausstellung und Speis und Trank. Es findet in der neu gebauten Siedlung Zwicky Süd an der Stadtgrenze Wallisellen-Dübendorf-Zürich statt.

Kraftwerk1 Jubiläumsfest 19. September 2015 ab 14:00 Uhr im Zwicky Süd

Weitere Infos auf der Seite von Kraftwerk1 oder im Flyer für das Fest hier.

Jeder kann die Zukunft mitgestalten…

Buchrezension

Uwe Burka: Eine zukunftsfähige Geld- und Wirtschaftsordnung für Mensch und Natur

Die Wirtschaftssituation unserer Welt wird immer kritischer. Besonders auch in Südeuropa ist in den letzten Jahren durch die unverantwortlichen und unglaublich dreisten Raubzüge auf die Volksvermögen unter dem täuschenden Titel „Eurorettung“ viel verderbliches geschehen. Die Krisenfront rückt also näher und es wird immer drängender dass wir aufwachen und etwas tun. Hier setzt Uwe Burka mit seinem Buch an und er hat nicht nur eine gut lesbare und kritische Analyse der Gegenwartsproblematik zu bieten, sondern vor allem eine Fülle von spannenden und praxisnahen Ideen, wie wir wieder zur Vernunft im Wirtschaften kommen können.

Warum brauchen wir eine zukunftsfähige Geld- und Wirtschaftsordnung? Mit dieser einfachen Frage am Anfang des Buches überholen wir bereits locker die meisten Experten und alle Wirtschaftsführern und Politiker, die sich bis heute nicht damit befassen wollen, obwohl die Probleme sich türmen. Uwe Burka zeigt in der Folge an 23 Antworten auf, wie stark wir in einer Systemkrise und Sackgasse stecken. Er ist natürlich nicht der einzige: Seit vielen Jahren gibt es eindringliche und sehr gut fundierte Bücher, die diese Misere korrekt darstellen und auf die Dringlichkeit von Handlungen hinweisen. Die Fakten liegen also schon lange auf dem Tisch. Wieso ändern wir dann nichts? Die Antwort von Uwe Burka ist einfach, aber zutreffend: Uns fehlen die Ideale! Oder wenn man seine Ausführungen auf Seite 43 und 44 noch etwas präzisiert: Wir sind als Kollektiv süchtig und stecken in ganz schlimmen Suchtstrukturen fest. Die Bequemlichkeiten und der Kick, den uns die heutige konsumorientierte Lebensweise bietet, lässt uns in immer schlimmere Zustände abgleiten, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen. Die grossen Dealer an den Finanzmärkten und in den Banken versprechen uns weiteren unbeschränkten Konsum und wir glauben ihnen und lassen sie uns weiterhin schamlos betrügen und ausnehmen. Gesunde Ideale, wie beispielsweise eine spekulationsfreie Wirtschaft, die jeder Mensch mit einem Gewissen befürworten müsste, werden verunglimpft oder als “Gefahr für die Wirtschaft“ dargestellt. Menschen mit gesundem Wirtschaftsverstand werden in den Medien als Idealisten verhöhnt, sofern ihre Stimmen nicht einfach totgeschwiegen werden.

Dieses Buch ist dagegen eine Wohltat und liefert ganz viele gut begründete gesunde Ideale und Ideen. Es unterscheidet sich dabei auch von amerikanischen Werken, die uns häufig die meist sehr wenigen und breit ausgewalzten Ideen mit personifizierten Beispielen richtiggehend um die Ohren schlagen. Uwe Burka baut dagegen seine Überlegungen sorgfältig auf seiner sehr breiten und fundierten Praxis auf. Man erfährt an vielen Stellen, dass er stark von anthroposophischen Grundlagen ausgeht, aber er zieht überall auch andere Quellen bei, um Zusammenhänge aufzuzeigen und Hinweise zu geben, die auch praktische Relevanz haben.

Zentral im Buch stehen Überlegungen zu einer neuen Geldordnung. Die Erkenntnis dass Geld im Wesentlichen eine Weltbuchhaltung darstellt und dass wir diese Buchhaltung, an der überall manipuliert und betrogen wird, wieder in Ordnung bringen müssen, ist essentiell. Die einfache Vorstellung, dass die Bilanz stimmen muss wird von jedem Unternehmen auf sich angewendet erstaunlicherweise aber nie auf seine Gültigkait auch für unser „Gesamtunternehmen Erde“ erkannt. Uwe Burka baut darauf auf und schlägt in der Folge ein neues realitätsbezogenes Geld oder Lebensgeld vor, dass eine eingebaute Alterung enthalten und einen Wochen-Referenz-Lebenskorb, also einen Warenkorb als Referenz und Deckung haben soll (Seiten 188-195). Das Geld würde durch Schenkung in den Kultur- Bildungs- oder Umweltbereich in den Umlauf kommen. Dieses Modell enthält gute und wichtige Überlegungen. Es gibt interessanterweise auch anderenorts ähnliche Modelle, z.B. das Gradido oder Joytopia-System von Gerd Hückstätt in Deutschland. Der Eindruck, ein solches System sei sehr realitätsfern ist insofern richtig, als dass sich das heutige Geldsystem, das wir als DIE Realität sehen, sehr sehr weit von der echten wirtschaftlichen Realität entfernt hat. Unsere bestehenden Währungen sind optimiert für Finanzcasino, Wucher und Abzocke, was man erst erkennen kann, wenn man als Kontrast ein realitätsbezogenes Geld einmal ernsthaft und vorurteilslos betrachtet.

Das wichtigste Element des Buches wurde gar noch nicht erwähnt: Uwe Burka hat 10’000 Exemplare auf eigene Kosten drucken lassen und verschenkt das Buch an alle, die es gerne lesen oder z.B. im Schulunterricht einsetzen wollen. Denn: Schenken ist gemäss dem Autor das Element, das Zukunft erst ermöglicht. In diesem Sinne ist es auch ein kompromisslos konsequentes Werk und fügt sich nahtlos in die Taten und Aktionen des Autors zugunsten einer lebenswerten menschlichen Zukunft ein, die in der ausführlichen und spannenden Selbstbiografie am Schluss des Buches aufgezeigt werden.

Fazit: Bestellen, lesen, handeln und weitergeben!

Uwe Burka: Eine zukunftsfähige Geld- und Wirtschaftsordnung für Mensch und Natur (2015), 271 Seiten Paperback, Selbstverlag Uwe Burka, 1070 Puidoux

  • Link zur frei herunterladbaren elektronischen Version (pdf) auf der Homepage des Autors: www.aktivZUKUNFTsichern.com
  • Bestellung Schweiz direkt beim Autor mit adressiertem und mit CHF 1.80 frankiertem (möglichst festem) Briefumschlag A5 oder B5:   Uwe Burka, La Vulpillière 10, 1070 Puidoux
  • Bestellung Deutschland mit adressiertem und mit € 1.00 frankiertem (möglichst festem) Briefumschlag A5 oder B5:   Rainer Kroll, Wohnprojektberatung, Durmersheimer Str. 36, 76185 Karlsruhe

International Journal of Community Currency Research (IJCCR)

Für alle, die sich vertieft mit alternativen Währungen befassen wollen: Die wissenschaftliche Online-Zeitschrift International Journal of Community Currency Research (IJCCR) bringt immer wieder spannende und hochaktuelle Forschungs- und Praxisberichte aus der ganzen Welt. Aktuell ist eine grosse Spezialausgabe auch mit einem Artikel aus der Forschung von FleXibles erschienen. Alles natürlich in Englisch 😉

The special issue 2015 of the IJCCR includes 15 papers that were presented at the 2nd Conference on Complementary and Community Currency Systems, Rotterdam 2013.

Including a paper by FleXibles research (author: J. Martignoni):

Cooperation and Intertrade between Community Currencies: From fundamentals to rule-making and clearing systems, Including a Case Study of the Zurich Area, Switzerland

The article describes money or currency as an instrument of cooperation, based on a sociological and institutional economics background. It then postulates currency as an operating system and focuses on the technical terms of trade if one would try to establish cooperation between such systems. Basic principles of interchange and intertrade, which are necessary for success, are presented, such as the ideas of trade balance, compensation funds, exchange rates and clearing, set-points and limits, references, anchoring money and tolls and taxes. Further some aspects of governance and negotiation are discussed and a nested framework of rules is adapted to currencies. As an Appendix a case study of the Zurich region is presented.

Link for this paper

Link for the whole special-issue/homepage of the journal

80+1 Jahre WIR-Geld: Ein Oldie mit Potenzial zum Durchstarten

Buchrezension

Hervé Dubois: Faszination WIR – Resistent gegen Krisen, Spekulationen und Profitgier

 

Das WIR-System ist nach wie vor die weltweit grösste Komplementärwährung und konnte im letzten Jahr den 80-ten Geburtstag feiern. Anlässlich des Jubiläums ist ein locker und leicht lesbar geschriebenes Buch erschienen. Der Autor Hervé Dubois war fast zwanzig Jahre lang Kommunikationsleiter der WIR-Bank und hat in dieser Zeit die WIR Bank Genossenschaft, wie sie heute heisst, auch an vielen Konferenzen, Tagungen und Treffen zu Komplementärwährungen vertreten. Mit profundem Insiderwissen versucht er in diesem Werk die verschiedenen Facetten und Zusammenhänge des WIR-Systems im Laufe der langen Geschichte darzustellen. Er scheut sich auch nicht, kritische Punkte anzusprechen, wie etwa das Ende der ursprünglichen „Schwundgeld-Idee“ und die trotz Zinskritik eingeführte Verzinsung des Genossenschaftskapitals, die zu harten Diskussionen innerhalb der Genossenschaft führten. Schrittweise zeigt er die historische Entwicklung auf und es gelingt ihm auch die Gründe zu beleuchten und ein Verständnis für die jeweiligen Entscheidungen herbeizuführen. Ein Ereignis leuchtet aber auch ihm nicht ganz ein (und wir teilen seine Meinung): Der 1958 im Rahmen eines starken Wachstums getroffene Entscheid der Genossenschafter, sich nur noch auf Mittelstandsbetriebe (KMU) zu beschränken und unselbständig erwerbende Privatpersonen auszuschliessen. Denn bereits dem wichtigsten Gründer, Werner Zimmermann „…schwebte eben von Anfang an eine umfassende Lösung für das ganze Volk vor.“ (S.59). Hier hätte das WIR-System noch ein riesiges Potenzial, das aber bis heute noch nicht wieder aktiviert wurde.

Auch das teilweise bis jetzt noch angekratzte Image des WIR-Systems, als „Geld auf dem man sitzen bleibt“ oder „System mit überhöhten Preisen“ wird im Buch auf seine Wurzeln zurückgeführt: Die Zeit der Hochkonjunktur bis 1972 hatte zu starken Auswüchsen und Missbrauch geführt, die bis heute als Gerüchte und Scheininformationen über den WIR kursieren. Die Probleme mit Menschen, die Regeln übertreten und skrupellos in die eigene Tasche wirtschaften kennen wir ja zur Genüge aus unserem „grossen Geldsystem“ Schweizerfranken. Im kleinen WIR-System werden aber die Missstände schneller untragbar, dafür kann die Gemeinschaft sie dann auch leichter korrigieren. Ein Kommentar in der Mitgliederzeitung „WIR-Pionier“ von 1948, der auf Seite 65 des Buches zitiert wird, ist heute noch so aktuell wie damals: „Wie in jeder Gemeinschaft, heisse sie, wie sie wolle, haben sich leider auch einige von dieser üblen Sorte in den Wirtschaftsring einzunisten verstanden. Auch ihre Zahl ist nicht gross und wäre verdaulich. Gross kann aber der Schaden sein, den sie anzurichten vermögen.“ Die noch schönere Bezeichnung für Leute „von dieser üblen Sorte“ lautete dann damals: „Krämerseelen-Kategorie der Super-Egoisten“! Die meisten der damaligen Probleme konnten aber bis Mitte der 70er Jahre mit Umsicht und wirksamen Regeländerungen zum Verschwinden gebracht werden.

Ganz andere Probleme gilt es dagegen heute zu meistern: Die tiefen Zinsen des Normalgeldes machen dem bisher sehr attraktive WIR-Modell, das ohne Zinsen auskommt, sehr zu schaffen. Dadurch ist der natürliche Wettbewerbsvorteil eines zinslosen Systems stark reduziert und es müssen neue Wege gefunden werden, wie sich das System in seiner eigenen Funktion finanzieren kann. Ausserdem gibt es heute via Internet-basierte Innovationen immer mehr Möglichkeiten, geschäftliche Netzwerke aufzubauen, die auch den zweiten Vorteil des WIR als Marketinginstrument (S.35) zunehmend pulverisieren. Der WIR Umsatz hat in den letzten vier Jahren auch kontinuierlich weiter abgenommen und liegt per Ende 2013 bei 1.4 Mia. WIR-Franken (CHW). Der umsatzmässige Höhepunkt zwischen 1993-95 lag bei über 2.5 Mia. CHW, was bei Berücksichtigung der Inflation bedeutet, dass seither wieder eine Abnahme um mehr als die Hälfte stattgefunden hat. (Zu den Zahlen, die immer wieder im Text genannt werden, hätte man dem Buch als Pluspunkt doch einige Grafiken oder Tabellen gewünscht, die solche Entwicklungen leichter erkennbar machen würden.)

Durch den gleichzeitigen Aufbau des parallelen Schweizerfranken-Bankings der WIR-Bank ab 1995 wurde dieser Abnahme-Effekt aber kompensiert und die WIR-Bank insgesamt scheint auf dem aufsteigenden Ast zu sein. Für die dringende Weiterentwicklung des WIR-Systems wurden aber dadurch die Alarmglocken abgestellt und tiefergreifende Innovationen bisher vernachlässigt. Fast am Schluss des Buches steht dazu ein Satz, der das heutige Dilemma der WIR-Bank gut aufzeigt: „Potenzial ist vorhanden, es gibt immer wieder neue Herausforderungen“ (S.140) und man möchte fast weiterlesen „…die verhindern, dass angepackt und das Potenzial endlich umgesetzt werden kann.“ Es wäre dem WIR-System zu wünschen, dass stattdessen gesagt würde: „Sehr viel Potenzial ist vorhanden, jetzt gilt es wieder –  wie zu Beginn 1934 – radikal zu handeln und es auch umzusetzen!“ Denn das WIR-System ist wirklich ein Schlüssel zur Zukunft für uns alle; es beinhaltet insbesondere ein mehr denn je aktuelles und heute dringend notwendiges Geld- und Gemeinschaftsverständnis. Darum kann auch dem Schlussatz des Autors voll zugestimmt und das Buch wirklich zur Lektüre jedem empfohlen werden, der an einer lebenswerten Zukunft interessiert ist: „Aber noch wesentlicher als rein ökonomische Betrachtung ist für mich, dass das WIR-Gedankengut eine echte Chance zur Lösung des grundlegenden Konflikts unserer Gesellschaft darstellt, die sich im Spannungsfeld zwischen Gier und Gewissen völlig verirrt hat.“

Hervé Dubois: Faszination WIR – Resistent gegen Krisen, Spekulationen und Profitgier Faro-Fona-Verlag, Lenzburg, 2014

Link zur Bestellung bei der WIR-Bank

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