Monthly Archives: May 2012

Kommentar zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Meine Schwägerin blickt durch

von Oswald Sigg

Am letzten 24. Dezember abends. Beim Weihnachtsessen – die Kerzli brennen am Tannenbaum, die Kinder plangen nach den Gschänkli – plätschert das Ge­spräch mit hoher Spannungslosigkeit dahin. Weil wir schon das leidige Wetter behandelt haben, berichte ich arglos von der bald zu lancierenden Eidgenössi­sche Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

Der Onkel meiner Frau rollt mit den Augen und legt Messer und Gabel beiseite. Eine ältere Cousine leidet plötzlich unter Mig­räne und nimmt rasch eine Pille. Der Schwa­ger Ruedi, ein erfolgreicher KMUnter­nehmer, nimmt einen Schluck Roten, stellt sein Glas mit bedeutungsvoller Miene ne­ben den Teller und stellt laut und deutlich die grundlegend offene Frage: „Und wär geit de na ga schaffe?“ Er schaut ernsthaft in die Runde und präzisiert seine Frage: „Wär ächt wär?“ Nach knapp einer Stunde, die Kerzli sind längst abgebrannt und die Gschänkli ausgepackt, wird noch immer weder über die Ausländer, Blocher, YB oder sonst so etwas diskutiert, sondern es argu­mentieren nur noch alle grossmehrheitlich gegen die Spinnerei des Grundeinkom­mens. Da kommt es beim Kaffee unverhofft zu einer kleinen Gesprächpause. Meine Schwägerin steht vom Tisch auf, wie um noch­mals einen Kaffee zu holen und richtet ihre wenigen Worte an die ganze Gesell­schaft: „Mit emene Grundiikomme, Ruedi, müesstisch Du mir ke Hushaaltsgält meh gää!“ Die Schwägerin, schon immer etwas gefitzter als die andern, hatte es also schon letzte Weihnachten begriffen.

Menschliche Arbeit neu betrachten

Es geht darum, dass wir die Arbeit und ihre Bezahlung neu betrachten. Nicht nur Er­werbsarbeit ist richtige Arbeit. Heute unterscheiden wir drei Arten: bezahlte, freiwillige und unbezahlte Arbeit. Alle Arbeiten sind gesellschaftlich mehr oder weniger not­wendig. Eines steht aber fest: die Hälfte aller heute geleisteten Arbeitsstunden sind sowohl notwendig als auch unbezahlt. Im Vordergrund steht hier die Hausarbeit, die Betreuung von Kindern, die Pflege von kranken Familienangehörigen, die Begleitung von älteren Menschen. Es geht aber auch und gerade um spontane soziale und kul­turelle und sportliche Engagements. Dann gibt es viele notwendige Tätigkeiten – gemeinhin als Drecksarbeit bezeichnet – die der sogenannte Arbeitsmarkt unterbe­zahlten Migrantinnen und Migranten überlässt.

Viele Menschen stehen an ihrem Arbeitsplatz täglich unter Druck und Stress. Vielen droht der Verlust ihrer Arbeit. Auch drohende Entlassungen sind existenzbedrohend. Krankheitsbedingte Arbeitsausfälle – Depressionen, burn outs – nehmen zu. Ar­beitslose werden schikaniert, ausgegrenzt, ausgesteuert.  Sozialhilfeempfängern wird mit Misstrauen, oft auch mit Verachtung begegnet. SozialarbeiterInnen werden als Gutmenschen verhöhnt. Eine Dunkelziffer besagt: nur die Hälfte aller Personen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Notlage Anspruch auf öffentli­che Unterstützung hätten, meldet sich an den Schaltern der Sozialdienste. Die an­dern schämen sich vermutlich davor, ihren Rechtsanspruch geltend zu machen. Alle diese „Sozialfälle“ haben eine gemeinsame Ursache: es ist die grobe Verletzung der Würde der unter solchen Umständen leidenden Menschen.

Grundeinkommen solidarisch finanzieren

Das Grundeinkommen für alle wird zum grössten Teil die heutigen Sozialversiche­rungsrenten ersetzen. Die Differenz zu den Ergänzungsleistungen der AHV und Voll­renten der IV würden weiterhin ausbezahlt.  Es braucht darüber hinaus noch einen erheblichen Betrag zur Finanzierung des Grundeinkommens, der aber meiner Mei­nung nach nicht über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, sondern über eine Vermö­gens- und Kapitaltransaktionsbesteuerung finanziert werden müsste. Die Reichen werden das Grundeinkommen nicht nötig haben, aber das Grundeinkommen wird die Reichen brauchen. In unserem Land besitzt 1% der privaten Steuerpflichtigen (=Steuerflüchtigen aus aller Welt *) gleich­viel Vermögen wie die restlichen 99%. Die Schweiz ist prädestiniert für ein solidarisch finanziertes Grundeinkommen für alle.

Quelle: Mediendienst Hälfte www.haelfte.ch

*) Ergänzung durch die Redaktion

Innovation als Prozess der Verantwortungsübernahme

von Jens Martignoni

Durch Innovation, d.h. durch Neuentwicklung von Produkten oder Dienstleistungen werden wichtige Weichen gestellt, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt. Dass dies so ist wird kaum bezweifelt. Jedoch noch selten wird ein umfassender Zusammenhang zwischen Art und Inhalt einer Innovation und den daraus sich ergebenden Folgen für die Gesellschaft gesehen. Die Tiefe der Verantwortung ergibt sich zum grossen Teil bereits in der Vorgehensweise des Innovationsprozesses. Hier kann beispielsweise das Presencing-Modell von Otto Scharmer Hinweise liefern.

Bei Entscheidungen zu Innovationen in Unternehmen dominieren zumeist folgende zwei Vorgehensweisen:

A)   Besser sein als Konkurrenz: Innovation wird dabei als Vorsprung gegenüber einer (meist ähnlich agierenden) Konkurrenz gesehen. Sinn oder Unsinn des Produktes oder einer weiteren „Verbesserung“ desselben wird dabei kaum hinterfragt. Kurzfristiges Denken dominiert, Folgen werden zumeist ausgeblendet.
(Prozessschritt bei Scharmer: 1. Reacting)

B)   Neue Märkte erschliessen: Innovation wird hier als Mittel verstanden, neues Terrain zu gewinnen und bisher nicht Dagewesenes zu verwirklichen. Da es noch keinen Markt gibt, stellt sich die Frage nach dem Sinn im Zusammenhang mit möglichen Kunden. Um diese zu überzeugen muss man sich bis zu einem gewissen Mass Gedanken machen, ob das Neue auch gebraucht wird.
(Prozessschritt bei Scharmer: 2. Redesigning)

Bei beiden Vorgehensweisen wird der Entscheid, ob eine Innovation angegangen werden soll oder nicht, stark vom zu erwartenden Profit aus entschieden.

Bei fortschrittlichen Unternehmen und vor allem bei Organisationen des Dritten Sektors (NGO’s) wird dagegen bereits eine andere Fragestellung zugrundegelegt:

C)   Wie begegnen wir den gegenwärtigen Gesellschaftsfragen: Innovation wird hier als Mittel zur Lösung von Problemen in einem Zusammenhang verstanden. Das Denken ist mittelfristig und stark auf Nachhaltigkeit bezogen. Ressourcen werden primär eingesetzt, um das identifizierte Problem zu bearbeiten, nicht um Gewinne zu erzeugen. Sinn ergibt sich dabei unmittelbar. (Scharmer: 3. Reframing)

Häufig wird jedoch noch nicht darüber nachgedacht, was passieren soll mit der Problemlösung, wenn die Probleme einst gelöst sein werden. Das kann dann eine eigene Kategorie von Schwierigkeiten hervorrufen.

In neuester Zeit werden nun vermehrt Überlegungen zu einem vierten, noch weitergreifenden Verständnis von Innovation gemacht. Der Ansatz dazu lautet:

D)   Wohin soll sich die Gesellschaft entwickeln und wie können wir den Weg dahin gestalten: Innovation wird hier zum Prozess der Verbindung mit dem Ganzen und zur Suche nach Lösungen, die möglichst viele Zusammenhänge erfassen. Die Erfordernisse der Zeit werden dabei ebenso miteinbezogen, wie die Visionen für eine bessere Zukunft. Dabei ist auch die Erkenntnis des „Nicht-Tuns“ inbegriffen, das heisst, dass man sich entscheiden kann eine mögliche Innovation, die vielleicht wirtschaftlich sehr erfolgreich sein könnte, nicht zu tun, z.B. weil deren Folgen nicht absehbar sind (Atomenergie, Gentechnik).
(Scharmer: 4. Regenerating)

In einem solch erweiterten Verständnis von Innovation findet auch die Natur ihren Platz. Durch genaue und möglichst vorurteilsarme Beobachtung von Lebewesen und ihrem Verhalten und indem wir uns als Menschen miteinschliessen, wie es z.B. im Biomimicry-Ansatz geschieht, gelingt es, die Natur als Lehrmeisterin zu gewinnen und Respekt zu lernen und zu vertiefen. Der Innovationsprozess kann so in der Verantwortung des Unternehmens für den von ihm gewählten Tätigkeitsbereich verankert werden. „Innovative Lösungen“ sind damit nicht nur Marketing-Gags, sondern werden auch von den beteiligten Menschen mitgetragen und verantwortet. Nur so lässt sich ein wirklicher, also nachhaltiger Beitrag an die Entwicklung von Menschen, Gesellschaft und Erde überhaupt finden. Solche Beiträge zeichnen sich auch aus durch eine innere Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit.

Gute Beispiele solcher Innovationen finden sich unter anderem im Buch „Worldchanging“ herausgegeben von A.Steffen, das letztes Jahr in einer ergänzten und erweiterten Auflage erschienen ist.

Literaturhinweise:

  • Benyus, J.M.: Biomimicry: Innovation inspired by nature, Harper 2002
    -> Biomimicry-Institute
  • Scharmer, O.C.: Theorie U – von der Zukunft her denken, Auer 2009
    -> Otto Scharmer
  • Steffen, A.: Worldchanging: A users guide for the 21st century, Abrams 2011
    -> Worldchanging