Monthly Archives: January 2014

Genossenschaften im Fokus einer neuen Wirtschaftspolitik

Buchrezension

Tagungsbände der XVII. Internationalen Genossenschaftswissenschaftlichen Tagung in Wien 2012  Herausgegeben von Johann Brazda, Markus Dellinger, Dietmar Rössl, LIT Verlag

Das Jahr 2012 liegt zwar bereits einiges zurück und in unserer schnelllebigen Zeit könnte man eine wissenschaftliche Tagung von damals bereits als überholt betrachten. Und wenn sie dann auch noch über 1’500 Seiten an Vorträgen und Berichten in vier dicken Büchern produziert hat, umso mehr.

Doch beim Thema Genossenschaften verhält es sich zur Zeit eher umgekehrt. Je mehr die Probleme und Krisen der turbokapitalistischen Gesellschaft zunehmen und je unglaubhafter Politiker und Wirtschaftsführer mit ihren ewiggleichen Rezepten von Steuererleichterungen für Besitzende und Sparmassnahmen und Kürzungen für gewöhnliche Bürger oder Bedürftige hantieren, desto mehr wird es deutlich, dass Alternativen gefragt sind. Genossenschaften sind dabei ein attraktives Modell, wie die reale Wirtschaft Interessen der Betroffenen und der Begünstigten wieder in Übereinstimmung bringen kann. Wo dieses Genossenschaftsmodell heute steht, welche Erkenntnisse bestehen und neu gewonnen worden sind und welche Entwicklungen anstehen wird in den 99 verschiedenen Beiträgen der vier Tagungsbände in allen Facetten deutlich.

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Ob und wie Genossenschaften Lösungen zur heutigen Krise bieten können wird zwar auch immer wieder als Frage aufgeworfen, so in der Podiumsdiskussion, die im Band I protokolliert ist. Noch werden von den Experten viele Zweifel angebracht und einer Aussage, wie die von Ernst Fehr (S. 269) wird nicht widersprochen: „Meines Erachtens waren Genossenschaften immer eine Reaktion auf Markt-und Staatsversagen. Sie sind sozusagen dieser Dritte Sektor, der immer einspringt, wenn Märkte und Politik versagen.“ Sie zeigt, dass der Glaube an Markt und Staat immer noch ungebrochen ist. Statt daraus den logischen Schluss zu ziehen, dass Markt und Staat immer wieder versagen, also kein brauchbares Zukunftsmodell darstellen, wie sie heute sind, Genossenschaften aber dieses Versagen korrigieren können, also ein effektiveres Modell darstellen, das zum Hauptmodell werden könnte, wird weiter davon ausgegangen, dass Genossenschaften nur in einer Nische bestehen könnten. Das ist schade.

Der zweite Band liefert fundierte Bestandsaufnahmen und aktuelle Entwicklungen. Dem dritten Band „Zukunftsperspektiven“ hätte man noch mehr visionäre, provokative und grundlegende Beiträge gewünscht. Immerhin werden im Beitrag von Sabine Goldmann (S. 855) die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) unserer Gesellschaft: „Geld“ und „Volkswirtschaft“ diskutiert und darauf hingewiesen, dass die Gestaltung von Geld einen zentrale Rolle in der Gestaltung der Wirtschaft spielt. Aber danach im Abschnitt Neue Entwicklungen in der Rechtsform der Genossenschaft werden statt die Bedürfnisse einer zukünftigen nachhaltigen Gesellschaft als Auftrag und Gestaltungsbedürfnis zu nehmen, Finanzderivate und Eigenkapitalvorschriften diskutiert. Diese Sackgassen sollten als solche gekennzeichnet sein und nicht als Zukunftsperspektiven besprochen werden. 

G:/reihe/umschlag/50515-6_Bd3.dvi G:/reihe/umschlag/50515-6_Bd4.dviDer vierte Band mit den Länderstudien enthält hingegen wieder viel handfestes und anregendes Praxiswissen. Er ist von der Homepage des Verlages frei als PDF/E-Book herunterladbar und gibt einen guten Einblick in die Beiträge der Tagung.

 

 

Insgesamt sind die Tagungsbände ein wertvolles Zeitdokument und Nachschlagewerk das Genossenschaften als pragmatischen und seit mehr als hundert Jahren erprobten Teil der Lösung darstellt. Es ist anzunehmen, dass Genossenschaften weiterhin im Aufwind sind und der Bedarf nach Wissen und Erkenntnis weiter wächst.

Die nächste XVIII. Internationale Genossenschaftswissenschaftliche Tagung findet vom 14. bis 16. September 2016 in Luzern an der Universität Luzern statt. Es ist zu hoffen, dass bis dann noch deutlicher wird, dass Genossenschaften nicht nur eine Nische füllen können, sondern dass das zukünftiges Gesellschaftsmodell mitunter auf ihnen basieren sollte.

Link zum Verlag

Link zur Homepage der Veranstaltung in Wien

Polymoney Workshop in Biel

Polymoney ist zu Gast bei Vision 2035 einer Transition-Initiative in Biel/Bienne.

11. Februar um 18 bis um 21 Uhr
Wyttenbachhaus (Zimmer 3), Rosiusstrasse 1
Kosten: 30 Fr., inkl. Imbiss
Anmeldung: info@vision2035.ch

Das Brett- und Rollenspiel Polymoney wurde von FleXibles entwickelt. Es zeigt, dass neue Geldsystemen als Lösungsansatz heutiger Wirtschaftsprobleme eine wichtige Rolle spielen könnten. Im Zentrum steht das Leben in einem Quartier, das nicht auf der See- oder Sonnenseite liegt, sondern etwas mehr im Schatten. Anhand von Geld, Besitz und Spekulation wird gezeigt, dass es unter den gegebenen Verhältnissen zwangsläufig ist, dass Arbeitslosigkeit, Armut und Existenzprobleme auftreten. Doch mit viel Eigeninitiative und mit Hilfe der Stadt kann es den Bewohnenden gelingen, der Misere zu entkommen und wieder gesundes Leben ins Quartier zu bringen. Ein zentraler Schlüssel ist dabei die Einführung einer Komplementärwährung.

Zum Gedenken an Margrit Kennedy, 21.11.1939 – 28.12.2013

Margrit Kennedy (Bild www.margritkennedy.de)Am 28. Dezember 2013 ist die grosse Geldreform-Pionierin und Grande-Dame der Bewegung, Margrit Kennedy in Steyerberg nach kurzer Krankheit verstorben.
Margrit war seit langem weltweit engagierte Aktivistin und anerkannte Expertin in Sachen Geld und Währung und seit einigen Jahren auch Mitglied unseres Beirates. Sie hatte die grosse Fähigkeit sowohl Fachleuten, als auch Laien das Geldsystem und seine Fehler anschaulich und in der richtigen Sprache erklären zu können. Sie war überall wo sie hinkam ein Funke, der das Feuer zu einer Veränderung zum Besseren entzündete. Dabei hatte sie viel Verständnis und Geduld und war getragen von einer grossen Menschlichkeit und dem Glauben an eine gerechtere Welt. 

” …es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungsansätze. Es geht um neue Geldentwürfe, die einen Nutzen optimieren und helfen, Geld zu schaffen, das weder einem krankhaften Wachstumszwang unterliegt noch eine ständige Umverteilung von der großen Mehrheit der Menschen zu einer kleinen Minderheit verursacht – wie unser heutiges Geld das tut.”
(Aus dem Vorwort ihres Buches Occupy Money)

Mit Margrit Kennedy verliert die vielfältige aber verstreute Bewegung zur Reform von Geld und Währungen einen Mittelpunkt und eine treibende Kraft. Es gilt nun, auf dem grossen Fundament, an dem sie mit grossem Engagement gearbeitet hat, weiterzubauen.  Aufklärung, Bildung, Tauschringe, Energiewährungen, neue Geld- und Besitzsysteme, Komplementärwährungen, Vollgeld etc. bis hin zur Schenkwirtschaft müssen weitergetragen und weiterentwickelt werden, um dereinst das bestehende marode Regime ablösen zu können.

Margrits wertvolle und ermutigende Mitsprache als Beirätin unseres Vereins werden wir sehr vermissen. Ihr Lachen und ihre Art, die Dinge direkt auf den Punkt zu bringen hat uns immer wieder inspiriert.

Wir verabschieden uns in Dankbarkeit

Jens Martignoni, Geschäftsführer

Weitere Informationen über Margrit Kennedys Arbeit: www.monneta.org  www.margritkennedy.de