Ein Rückblick aus der Zukunft

brandaktuell zum Jahresrückblick 2011, von Dr. Leete, Arzt und Romanfigur im utopischen Roman Ein Rückblick  2000-1887 von Edward Bellamy*):

“Ich meine”, bemerkte Dr. Leete, als wir von der Speisehalle nach Hause schlenderten, “dass kein Tadel die Menschen Ihres den Reichtum anbetenden Jahrhunderts schärfer getroffen haben würde, als die Behauptung, dass sie nicht verstanden, Geld zu machen. Nichtsdestoweniger ist eben dies das Urteil, das die Geschichte über sie gefällt hat. Ihr System der unorganisierten und einander bekämpfenden Industrien war in nationalökonomischer Hinsicht ebenso thöricht, wie es in moralischer verabscheungswürdig war. Selbstsucht war ihre einzige Wissenschaft und in der industriellen Produktion ist Selbstsucht Selbstmord. Die Konkurrenz, welche der Instinkt der Selbstsucht ist, ist nur ein anderes Wort für Zersplitterung der Energie, während die Vereinigung das Geheimnis leistungsfähiger Produktion ist: und nicht eher, als bis der Gedanke der Vermehrung des Privatreichtums dem Gedanken der Vermehrung des Gesamtvermögens platz macht, kann die industrielle Vereinigung verwirklicht werden und die Erwerbung von Reichtum in Wahrheit beginnen. Selbst wenn das Prinzip der vollkommenen Gleichstellung aller Menschen nicht die einzig humane und vernünftige Grundlage für eine menschliche Gesellschaft wäre, so würden wir dasselbe dennoch als nationalökonomisch nützlich aufrecht erhalten, da wir sehen, dass, solange nicht der zersetzende Einfluss der Selbstsucht unterdrückt ist, kein wahres Zusammenwirken der Industrie möglich ist.”

 

*) Bellamy, Edward (1888): Looking backward 2000-1887, siehe auch unter Wikipedia.

One thought on “Ein Rückblick aus der Zukunft

  1. Lukas Zeller

    Ein tolles und hellsichtiges Zitat!

    Ich habe gerade “Schmerzgrenze” von Joachim Bauer gelesen, worin er zeigt, dass wir neurobiologisch ein kooperatives Hirn und keinen Aggressionstrieb haben.
    (Das Buch wird zwar von Sozialwissenschaftlern teilweise verrrissen, aber nicht in diesen zwei Punkten).

    Zeit jedenfalls, die Mär vom Konkurrenzdenken als Basis alles Handelns zu begraben bzw. sich nicht darin beirren lassen, dass es auch anders geht!

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